{"id":549,"date":"2023-06-13T15:11:11","date_gmt":"2023-06-13T13:11:11","guid":{"rendered":"https:\/\/evelinschertle.de\/zeichnungen\/?page_id=549"},"modified":"2023-06-13T15:34:52","modified_gmt":"2023-06-13T13:34:52","slug":"texte-1","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/evelinschertle.de\/zeichnungen\/texte-1\/","title":{"rendered":"Texte 1"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-small-font-size\">Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen \u2013<br>unverm\u00f6gend aus ihr herauszutreten, und unverm\u00f6gend<br>tiefer in sie hineinzukommen. Ungebeten und ungewarnt<br>nimmt sie uns in den Kreislauf ihres Tanzes auf\u2026<br>(Die Natur, Fragment, aus: dem \u00abTierfurter Journal\u00bb 1783)<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">                                                                                             <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mikrokosmen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zu dem Zeichenzyklus von Evelin Schertle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon Alexander von Humboldt (1769 \u2013 1859) stellte fest, dass er zwar die chemische Zusammensetzung des Steins, nicht aber die F\u00e4ulnisschicht, die mit ihrem Humus die eigentliche Erlebniswelt ist, vermitteln konnte. Zu sehr herrscht die Ideologie, dass nur Fakten und Zahlen das Universum erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Um die Natur jedoch zu erkennen, so Humboldt in einem Brief an Goethe, m\u00fcsse sie gef\u00fchlt werden.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Fast zweihundert Jahre sp\u00e4ter \u00e4usserte sich der Physiker Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker (1912 \u2013 2007) in dieselbe Richtung, wenn er meint, dass man Natur nicht erkennen kann, wenn man sie nicht liebt.<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Zu einer vergleichbaren Erkenntnis gelangte auch Evelin Schertle (*1966). &nbsp;Wie<a>, so fragt sie sich,<\/a> spiegelt sich die Natur in unserem Bewusstsein? Welche Erscheinung ruft sie in unseren Sinnen hervor? Seit Beginn ihrer k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit besch\u00e4ftigt sie sich mit diesen Ph\u00e4nomenen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicher hat die Faszination f\u00fcr die Natur auch damit zu tun, dass die K\u00fcnstlerin im Schwarzwald wohnt, einer l\u00e4ndlichen Gegend im S\u00fcden von Deutschland. Sie liebt es durch die Gegend zu streifen. Sie durchquert fruchtbare Felder oder taucht ein in den Wald, wo sie auf ihrem Gang verschiedene Lichtungen passiert und seltene Gr\u00e4ser am Wegrand oder Steine, die von Moosen und Flechten \u00fcberzogen sind, entdeckt. Sie st\u00f6sst auf Bereiche mit B\u00e4umen, die wegen des Borkenk\u00e4fers gef\u00e4llt werden mussten und nun totes Holz auf dem Boden vermodert. Sie sieht die auf dem Boden liegenden, verwelkten und zerbr\u00f6selten Bl\u00e4tter und Samenkapseln, die Klein- und Kleinstlebewesen ein neues Tummelfeld bieten. In der Stille, die die Wanderin in der weitl\u00e4ufigen Landschaft umf\u00e4ngt, wo weder Auto- noch Zivilisationsl\u00e4rm die Wahrnehmung st\u00f6ren, \u00f6ffnet sich der Blick auf seltene Biotope. Obwohl der Ausflug sie manchmal \u00fcber die Kuppe eines H\u00fcgelzuges f\u00fchrt und in der Ferne die sonnenbeschienen Schneeberge der Alpen oder, je nach Perspektive, jene der franz\u00f6sischen Vogesen zu sehen sind, ist es nicht das Panorama, das sie interessiert. Vielmehr sind es die Beobachtungen und Erlebnisse der Mikrowelt, die pr\u00e4gende Eindr\u00fccke in ihrem Bewusstsein hinterlassen und sie dr\u00e4ngen, ihre Erfahrungen im Atelier zu formulieren. So sind bereits mehrere aus Naturbeobachtungen hergeleitete Zyklen entstanden wie <em>Samen und Organismen <\/em>oder<em> rote Spuren<\/em>. In <em>Metamorphosen<\/em> fokussierte sie auf Ver\u00e4nderungen.In <em>Reflex des Pfauenauges<\/em>, <em>Melodie der Arabeske<\/em> oder in <em>Capriccio<\/em> r\u00fccken die Natur zugunsten der Abstraktion in den Hintergrund. In ihrer von Januar bis M\u00e4rz 2022 entstandenen 22-teiligen Zeichenserie <em>Mikrokosmen<\/em>, taucht sie nun ein in den Bereich der kleinen und kleinsten Dimensionen und erschliesst sich ihre Eingebungen mit Kohle und R\u00f6tel.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei geht es der K\u00fcnstlerin nicht um das blosse Abbilden des Gesehenen. Die Welt des Mikrokosmos ist auch gar nicht von blossem Auge zu sehen. Es braucht ein Vergr\u00f6sserungsger\u00e4t, um das Geflecht der mineralischen Bestandteile, Skelette oder Relikte von Mikroorganismen \u00fcberhaupt erfassen zu k\u00f6nnen. Evelin Schertles Darstellungen sind jedoch auch keine akribischen Ausformungen von Bodenstrukturen, seltsamen pflanzlichen sowie tierischen Organismen, wie sie etwa in den naturwissenschaftlichen Lehrbuchzeichnungen anzutreffen sind. Eben so wenig bezieht sie sich auf die von der Wissenschaft entwickelte graphische Strukturbildsprache, die es erlaubt, schnell und unkompliziert Erkenntnisse zu kommunizieren. Wie \u00fcberhaupt der Blick durch das Mikroskop eine ganz andere Sicht auf die Natur zu Tage f\u00f6rdert. Evelin Schertle ist K\u00fcnstlerin. Sie nimmt einen anderen Gesichtspunkt ein, denn sie sucht die Verbindung mit ihrer von Natureindr\u00fccken angereicherten Imagination. Nicht die \u00e4usseren Bilder sind ihr Massstab, sondern die mit pers\u00f6nlicher Sensibilit\u00e4t ges\u00e4ttigten Erfahrungen. Sie ergr\u00fcndet die Nachbilder, die sich im Anschluss an ihre Spazierg\u00e4nge in ihrem Bewusstsein einstellen. Wie ein Seismograph folgt sie den inneren Impulsen, um ihre Visionen in der Form von abstrakten Gestaltungen zur Anschauung zu bringen. Indem sie sich voll auf ihre eigene Perspektive verl\u00e4sst, erschafft sie eine Parallelwelt, eine neue Pr\u00e4senz.<\/p>\n\n\n\n<p>Um ihre Inspirationen auf dem Papier festzuhalten, hat sie ein mehrschichtiges Verfahren entwickelt. In einem ersten Schritt verteilt sie mit entspannter Hand R\u00f6telstaub auf das am Boden liegende Zeichenblatt und schafft sich so eine Ausgangslage. Es entsteht ein erstes formloses Gef\u00fcge von abwechselnd verdichteten und lockeren Partien. Nach der Fixierung zeichnet sie mit fein gespitztem R\u00f6tel- oder mit Kohlestift filigrane Linien in den Farbstaub. Manche Striche sind lang und durchqueren weite Teile des pulverisierten Universums. Andere sind nur kurz, Schraffuren \u00e4hnlich. Wieder andere sind zart und struppig wie Staubf\u00e4den. Es bilden sich rhizomartige Ver\u00e4stelungen, die sich in alle Dimensionen erstrecken. Kratzspuren, die das Gebilde in eine bestimmte Richtung bewegen. Dazwischen holt sie die Umrisse bestimmter Strukturen hervor, so als w\u00e4ren es Zellen, kleine L\u00f6cher oder offene Poren. Meisterhaft setzt die K\u00fcnstlerin den R\u00f6telstift ein. Manchmal ist da nur ein Hauch von Farbe was den Eindruck erweckt, das aus dem Farbstaub entstandene Gewebe sei in Aufl\u00f6sung begriffen. An anderen Stellen setzt der kr\u00e4ftige Farbauftrag Akzente, wobei weniger der Eindruck von pulsierenden Zentren als vielmehr jener einer Verdichtung von Materie entsteht. Der unterschiedliche Einsatz des Farbmaterials bewirkt auch ein vielschichtiges Wechselspiel von r\u00e4umlicher Tiefe, von Leerstellen und vernetzenden Ebenen. Ein anderes Werkzeug, mit dem die K\u00fcnstlerin gerne arbeitet ist der Knetgummi. Mit dem Knetgummi tr\u00e4gt sie Farbe ab, zeichnet bewegte Verl\u00e4ufe oder Kringel aufs Blatt. Andere Abtragungen haben eher die Form von Dornen oder spitzen Stacheln. F\u00fcr einen Teil des Werkzyklus verwendet die K\u00fcnstlerin Kohle, die sie in vergleichbarer Weise einsetzt wie den R\u00f6telstift. Obwohl das Schwarz der Kohle oft d\u00fcstere Gedanken hervorruft, gelingt es der K\u00fcnstlerin den Werkstoff so einzusetzen, dass die Strukturen Assoziationen an etwas Luftiges, Wolkenhaftes, bisweilen fellartig Flauschiges evozieren. Jede Komposition hat eine eigene Ausdruckskraft, beziehungsweise ein eigenes Wesen. Gemeinsam ist ihnen, dass jede Gestalt von viel Weissraum umgeben ist und in einem luftleeren Raum zu schweben scheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist interessant die Arbeiten von Evelin Scherte mit den Bildern von Cy Twombly (1928 \u2013 2011) zu vergleichen. Anders als die K\u00fcnstlerin lebte der Amerikaner in St\u00e4dten. W\u00e4hrend Schertle \u00fcber die Felder marschiert, wanderte Twombly durch die Metropolen. Er liebte es, die Viertel zu durchstreifen und ihre Eigenheiten und Stimmung zu erkunden. Cy Twomblys New Yorker Werke der fr\u00fchen 1950er Jahren gleichen dynamische Aufzeichnungen. In den Hintergrund nuanciert gehaltener Weissr\u00e4ume kritzelte er im Stil des allover fl\u00fcchtige Zeichen und Kringel, wobei sich das flirrende und vibrierende Liniengeschehen in den Tiefen der Farbschichten aufzul\u00f6sen scheint. Seit 1957 lebte Twombly in Rom, wo er die alten Mauern mit den abgebl\u00e4tterten Farben, den unz\u00e4hligen Einritzungen und fl\u00fcchtig hingekritzelten Zeichen entdeckte. Sie \u00fcbten einen ganz speziellen Reiz auf den K\u00fcnstler aus. Seine Malweise erfuhr 1961 eine Steigerung in der Expressivit\u00e4t. Die Farbe wird nun direkt aus der Tube auf die Leinwand gedr\u00fcckt. Kr\u00e4ftiges Rot taucht auf. Verdichtungen wirken wie Verletzungen. Die Poesie weicht einer fast groben, bisweilen aggressiven Geste. Der Vergleich der zwei unterschiedlichen k\u00fcnstlerischen Darstellungsweisen ist bemerkenswert: W\u00e4hrend uns die Arbeiten von Cy Twombly die Magie und das Chaos der Grossst\u00e4dte vor Augen f\u00fchren, vermitteln Evelin Schertles Werke die Stille und Harmonie der Natur. Im Gegensatz zu Twomblys Malerei, die in ihrer Monumentalit\u00e4t und Rohheit die H\u00e4rte der modernen Welt widerspiegeln, machen die filigranen Zeichnungen von Evelin Schertle die Essenz der Begegnung internalisierter Naturbeobachtungen explizit. So verschieden die beiden \u0152uvres auch sind, beiden gelingt es gleichermassen ihre Wahrnehmungen in einem Balanceakt von Sch\u00f6nheit und stimmiger Tiefe zum Ausdruck zu bringen und dies in einer Art, dass jeder Ansatz f\u00fcr sich die Empathie und die Energie der jeweiligen Lebensumst\u00e4nde wiedergibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zur\u00fcck zum Mikrokosmos, dem eigentlichen Thema von Evelin Schertles gleichnamigen Zyklus, der im Grunde davon erz\u00e4hlt, dass Natur auch ganz anders verstanden werden kann, als sie die mathematikbasierten Naturwissenschaften gerne darstellt. Natur, wie sie die Wissenschaften interpretiert, st\u00fctzt sich auf experimentelle Erkenntnis. Diese sind nachvollziehbar und \u00fcberpr\u00fcfbar. Evelin Schertles zeichnerische Darbietungen repr\u00e4sentieren nicht die Wirklichkeit der Naturwissenschaften, sondern sie sind der Ausdruck von Spiegelungen in der subjektiven Innerlichkeit eines Menschen. Ihre Darstellungen behaupten keine Deckungsgleichheit mit den auf ihren Spazierg\u00e4ngen angetroffenen Gegenst\u00e4nden oder der unter dem Mikroskop geschauten Proben. Vielmehr sind sie der Ausdruck der \u00dcbereinstimmung mit ihrem inneren, subjektiven Blick auf die Welt. Ihre Bilder pr\u00e4sentieren ihre Sicht auf eine Ordnung, die sich vor ihrem inneren Auge entfaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Astrophysik zeigt die Unendlichkeit des Alls. Eine Ahnung dessen was diese Unermesslichkeit bedeuten k\u00f6nnte, vermittelten die bet\u00f6rend sch\u00f6nen Fotografien, die das James-Webb Teleskop seit Kurzem zur Erde sendet. Die zahllos flimmernden Sonnensysteme, die funkelnden Sterne oder die um sich kreisenden Haufen fluoreszierenden Sternenstaubs, bringen die Menschen immer wieder neu zum Staunen. W\u00e4hrend der Makrokosmos die Unendlichkeit des Himmelsraumes zur Anschauung bringt, \u00f6ffnet sich mit dem Mikrokosmos eine andere Unendlichkeit. Der Formenreichtum sowie die Unersch\u00f6pflichkeit dieser Dimension sind nicht minder beeindruckend. Dies zu erfahren, hat f\u00fcr Evelin Schertle eine spirituelle Komponente. Die K\u00fcnstlerin versteht ihre Bilder denn auch als eine Hommage an die Sch\u00f6pfung.<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Kathrin Frauenfelder<br>Kunsthistorikerin, Dr. phil.<br>Z\u00fcrich, im M\u00e4rz 2023<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p style=\"font-size:9px\">[1] Vgl. Evelin Schertle, <em>\u00abEs ist immer ein Kampf\u00bb, sagt K\u00fcnstlerin Evelin Schertle \u00fcber den Anfang jedes Werkes<\/em>, in: S\u00fcdkurier, 22.12.2022.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Natur! Wir sind von ihr umgeben und umschlungen \u2013unverm\u00f6gend aus ihr herauszutreten, und unverm\u00f6gendtiefer in sie hineinzukommen. 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